Zeitzeugengespräch 2010 mit Frau Kerstin Kuzia

Zeitzeugengespräch 2010 mit Frau Kerstin Kuzia

Oberstufenschülerinnen und -schüler des Geschwister-Scholl Gymnasiums hatten am 7. Dezember 2010 Gelegenheit, Kerstin Kuzia persönlich zu treffen. Begleitet von der Bundestagsabgeordneten Beatrix Philipp (CDU) besuchte sie zuerst eine Ausstellung, welche im Vorfeld vom Leistungskurs Geschichte (Stufe 13) erstellt worden war. Hierzu hatte Frau Kuzia bereits ihr großes Vertrauen bewiesen und eine große Kiste voller persönlicher Dokumente zu Verfügung gestellt: Mithilfe von früheren Ausweisen, verliehenen Urkunden, fröhlichen sowie traurigen Briefen, alten Schulbüchern, vielen Fotos und weiterem konnte der Kurs sich unter Anleitung seiner Geschichtslehrerin, Frau Deschner-Schmitt, in die Thematik einarbeiten und so einen persönlichen Bezug zum anstehenden Zeitzeugengespräch mit Frau Kuzia aufbauen.

Gespannt wurden die Besucherinnen deshalb im Foyer empfangen und nach Begrüßungen durch Herrn Wehrhahn und Henning Schmidt (13) trafen sich Schüler der Stufen 11, 12 und 13 zu einem Gespräch mit Frau Kuzia. Zu Beginn wurde ein Film gezeigt, welcher den Schülern durch Bilder und Äußerungen von Zeitzeugen ein Bild von den Lebensumständen in Torgau vermittelte. Frau Kuzia schloss daran ihren Vortrag an, der alle Zuhörer erschreckte und berührte. Das liegt zum Einen zum geringen zeitlichen Abstand und zum Anderen an der kleinen geographischen Entfernung. Immerhin gehören die Orte, an denen all diese Grausamkeiten geschahen, heute zur Bundesrepublik Deutschland. Außerdem waren die Opfer im selben Alter wie die zuhörenden Schülerinnen und Schüler, was einen besonderen Bezug zum Leid der Betroffenen entstehen lässt.

Sehr lebendig, stellenweise sachlich, teils bewegend, zwischendurch humorvoll und immer interessant schilderte Frau Kuzia ihre Erlebnisse. Die Begegnung mit ihr war ein echtes Gespräch, da auch mittendrin immer wieder Fragen gestellt und beantwortet wurden. Sie gestaltete die zwei Stunden sehr interaktiv, indem sie die Schüler mehrfach zu Selbstversuchen aufforderte, um ihnen die geschilderten Situationen nachvollziehbar und im Wortsinn begreifbar zu machen. So ahmte Vincent Faßbender die angestrengte Pose nach, in welcher die Jugendlichen in Torgau auf Befehl zu stehen hatten, Kasra Abdavi-Azar und Kathrin Sobotta spürten das Gefühl mit einer sogenannten Überführungskette verhaftet zu werden am eigenen Leib und Lukas Nellen (alle 13) versuchte sich am oben beschriebenen „Torgauer Dreier“.

An weiteren Selbstversuchen nahm die komplette Schülergruppe teil. So spürten zum Beispiel alle die Beklemmung, die sich ergibt, wenn man die Arme nach oben streckt und sich vorstellt, nackt vor einem Fremden zu stehen, wie es Kerstin Kuzia direkt nach ihrer Ankunft in Torgau erging. Auch wurde vielen zum ersten Mal bewusst, wie schwierig es ist, sich auf Befehl zügig und geräuschlos von seinem Sitzplatz zu erheben. Dies ist für die hiesigen Jugendlichen auch nicht wichtig; in Torgau hingegen was dies von überaus hoher Bedeutung: Denn solang keine Totenstille im Speisesaal herrschte, gab es kein Frühstück.

Mit diesen Möglichkeiten, sich aktiv am Geschehen zu beteiligen vergingen die zwei Stunden für alle sehr schnell und selbst nach der großen Pause gab es noch offene Fragen. Kerstin Kuzias Erlebnisse wurden in dem mit dem „Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher“ prämierten Buch „Weggesperrt“ von Grit Poppe verarbeitet. Interessierte können sich hier ein noch genaueres Bild von Torgau machen. Außerdem stellte sie eine zweite Begegnung in Aussicht, was alle Beteiligten sehr freute. Nach einem interessanten und auch für Frau Kuzia bewegenden Tag am Scholl, gingen alle fröhlich und gleichzeitig vom Gehörten bewegt nach Hause.

Svenja Goliasch (13LK-Geschichte)