Zeitzeugengespräch 2005: Frau Ruth L. David

Zeitzeugengespräch 2005: Frau Ruth L. David

Am Freitag, dem 6.10.2005 fanden sich Schüler und Schülerinnen der Stufe 10 im Rahmen des Geschichts- und evangelischen Religionsunterrichts zusammen, um etwas über das Leben des Ehepaares David zu erfahren. Dieser Besuch – meist nach den Herbstferien – ist schon seit Jahren Tradition an unserer Schule. Das Düsseldorfer Ehepaar Busch begleitet jedes Jahr die Gäste aus den
USA.
Es ist bewundernswert, dass das Ehepaar David von sich aus jedes Jahr nach Deutschland fliegt, um Schülern – wie uns – nahe zu bringen, was die NS-Zeit damals eigentlich bedeutete.

Herr Prof. David, Frau David, Herr Dr. Busch

Herr Dr. Busch leitete das Gespräch anschaulich ein. Er erzählte über seine Schulzeit, wie er 1936 auf dem Gymnasium aufgenommen wurde und wie der nationalsozialistische Lehrer an seiner Schule die Juden regelrecht verabscheute, ein Vorfall in Herrn Buschs Schulklasse belegte dies. Als die Schulklasse auf den zuständigen Lehrer wartete, vergingen etliche Minuten, worauf die Schüler und
Schülerinnen natürlich immer lauter wurden. Als der Schulleiter, der ein überzeugter „Nazi“ war, vor der Klasse stand, sagte er: „Was ist das für ein Lärm? Wie in einer Judenklasse!“ Kurz nach diesem Vorfall gab es einen Erlass: „Den deutschen Schülern ist es nicht zuzumuten, mit jüdischen Schülern an einer Schule zu lernen!“
Nach dieser Einleitung von Herrn Dr. Busch, erzählte Herr Prof. David zu Beginn über seine erste Erinnerung an die Nationalsozialistische Zeit, welche sich am 30.01.1933 zugetragen hatte. An diesem Tag war Hitler zum Reichskanzler gewählt worden und Herr David musste mit Hunderten anderen Jungen viele anstrengende Stunden den Hitlergruß halten. Dies, so erklärte er uns, hat bei ihm und den anderen Kindern einen mächtigen Eindruck hinterlassen. Für Herrn Prof. David war die Schulzeit „angenehm“, da er sie mit anständigen Schülern und auch Lehrern verbracht hatte.
Zumindest bis 1938, denn dann kam ein Schulleiter mit nationalsozialistischer Einstellung an die Schule und dieser war keinesfalls angenehm: Herr Prof. David und seine Familie, die überzeugt waren, ihnen könne nichts passieren, da der Vater ein Mitglied der jüdischen Frontsoldaten im 1. Weltkrieg war, realisierten nach bzw. schon in der Pogromnacht, dass das Auswandern der einzig
sichere Ausweg sei und zogen somit erst nach Australien und später nach Amerika.

Frau Ruth L. David

Anschließend berichtete Frau Ruth L. David, die ihre Vergangenheit schon in ihrem Buch: „Ein Kind unserer Zeit“ zusammengefasst hat, unter anderem von ihrem schlimmsten Erlebnis, der Pogromnacht in Fränkisch Krumbach. Durch einen Hinterausgang schlich sie sich mit ihrer Schwester in ein Auto und sie warteten dort stundenlang unter Decken verborgen darauf, dass sie endlich aus ihrem Versteck wieder zu ihrer Familie konnten! Im Haus herrschte das reinste Chaos, die SS-Soldaten hatten selbst den querschnittsgelähmten Onkel angegriffen und den Vater zusammen mit dem älteren Bruder abtransportiert. Da sie aber die Möglichkeit hatten nach Australien auszuwandern, konnten sie nach einem Eid, der sie verpflichtete, niemandem von den Umständen im Lager zu erzählen, nach Hause fahren. Der ohnehin schon altersschwache Vater musste monatelang gepflegt werden, bis er wieder einigermaßen gesund war.
Da die jüdischen Kinder nicht mehr in die „christlichen“ Schulen durften, gründeten Rabbiner und ehemalige (jüdische) Lehrer und gebildete Gemeindemitglieder kleine jüdische „Schulen“, die man in privaten, zur Verfügung stehenden Räumen fand. In der  ländlichen Gegend, in der Frau David wohnte (Dorf im Odenwald, in Fränkisch Krumbach) organisierte ein Rabbiner, Herr Kahn, einen größeren Wagen, der umgebaut wurde, sodass er die ausgegrenzten Schüler zu ihrer improvisierten Schule fuhr.
Wie die meisten Juden wurden auch sie auf dem Weg zur Schule, zum Teil von ehemaligen Freunden mit Steinen beworfen und gepeinigt. Eines Tages kam ein Fahrer, dessen Wagen vor ihnen stehen geblieben war, zu ihnen und schlug mit einer Kurbel, die eigentlich dazu diente, den Wagen „anzuschmeißen“, von außen die Fenster ein.
Frau David wurde im Alter von 10 Jahren mit ihrer älteren Schwester (14) nach England gebracht, ihre Eltern mussten zurückbleiben, wollten jedoch nachkommen. Dies war jedoch mit dem Ausbruch des Krieges unmöglich geworden.
Frau David lebte in einem Flüchtlingsheim. Ihre Eltern sah sie nie wieder, denn sie wurden nach Auschwitz gebracht, wo sie starben.
Diese zwei Schulstunden waren eine Mischung aus: interessant, informativ, aber auch sehr bewegend.
Und dafür möchten wir uns alle herzlich bedanken!

Violetta und Christin-10d