Zeitzeugengespräch 2013 mit Peter Keup über seine Erfahrungen in der DDR

Zeitzeugengespräch 2013 mit Peter Keup über seine Erfahrungen in der DDR

Das Zeitzeugengespräch aus der Sicht einer Lehrerin

Über meinen Sohn, der ein überaus engagierter Geschichtslehrer ist, erfuhr ich von der Zeitzeugenbörse (http://www.ddr-zeitzeuge.de/).

Er hatte bereits im Unterricht eine Zeitzeugin über dieses Portal in seinen Oberstufenkurs eingeladen und sowohl seine SchülerInnen als auch ihn hatte die alte Dame mit ihrem bewegenden Schicksal tief beeindruckt. Die SchülerInnen unseres LK-GE Q2  sollten diese Dame auch  kennenlernen!  Wie der Zufall so will, erkrankte sie leider und von der Zeitzeugenbörse wurde Herr Peter Keup als „Ersatz“ vorgeschlagen.

Das Portal stellt sich im „unendlichen Cyberspace“ wie folgt dar:

„Wer kann sich heute noch das Leben in der DDR vorstellen? Mehr als 20 Jahre nach ihrem Untergang verblasst die Erinnerung an den SED-Staat. Vor allem für junge Menschen ist die DDR eine fremde, unbegreifliche Welt geworden.

….Zeitzeugen berichten

Zeitzeugen können hier Abhilfe schaffen. In ihren Berichten wird der Alltag in der DDR lebendig. Man begreift den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur.

Auf dieser Seite können Sie nach DDR-Zeitzeugen suchen: Oppositionelle, Fluchthelfer, Angehörige von Grenztoten, politische Gefangene. Aus erster Hand berichten sie über das kommunistische System. Oft wohnen sie sogar ganz in Ihrer Nähe.“

Über Herrn Peter Keup erfährt man:

„Peter Keup (geb. 1958 in Radebeul) war erfolgreicher Turniertänzer und vertrat die DDR bei zahlreichen Meisterschaften. Sein Wunsch war es, an Tanzturnieren im Westen teilzunehmen und dort Karriere zu machen. Im Juli 1981 scheiterte sein Fluchtversuch über die Tschechoslowakei. Verurteilt wegen „Republikflucht“ zu einer zehnmonatigen Haftstrafe, gelangte er im März 1982 im Rahmen des Häftlingsfreikaufs in die Bundesrepublik.“

Dies las sich wie „100 mal gehört“:  irgendein privilegierter Ex-DDR-Sportler wird bei der Flucht in den „goldenen Westen“ geschnappt usw.

Herr Keup schilderte in ehrlichen, mutigen Worten seine Verhaftung mit all den Demütigungen. Man hatte ihn tief traumatisiert. Das war spürbar. Das berührte. Ein System, das die Menschenrechte derart missachtete, war das „sozial“, „sozialistisch“? War es nicht vielmehr ein totalitäres Regime, das „freie Geister“ fürchtete?

Gertrud  Deschner-Schmitt

 

 

Das Zeitzeugengespräch aus der Sicht eines Schülers

Am 30.01.2013 versammelten sich die beiden Geschichts-Leistungskurse der Stufe 13/Q2 von Frau Deschner-Schmitt und Frau Pütz und der EF-Kurs von Herrn Ullrich im Großraum N11 um durch den Bericht des Zeitzeugen Peter Keup und die anschließende Diskussionsrunde einen tieferen Einblick in die Geschichte der DDR zu erhalten und die individuelle Perspektive eines Betroffenen erleben.

Zeitzeugen2013

Der heute in Essen wohnende Peter Keup beschrieb seine damalige Situation sehr anschaulich und gab detaillierte Informationen über das Erlebte. In der nachfolgenden Diskussionsrunde beantwortete er unsere Fragen ausgiebig. Er gab uns tiefen Einblick in seine Gefühlswelt und überraschte nicht selten mit einer noch nicht gehörten Sicht auf das Geschehene.

Herr Keup verbrachte in der Nähe von Dresden eine unbeschwerte Kindheit. Seine Eltern waren vor seiner Geburt aus Essen in die DDR übergesiedelt, da – vor allem der Vater – überzeugter Sozialist war.

Seine Mutter kam immer weniger mit Verhältnissen in der DDR zurecht und stellte 1974 einen Ausreiseantrag. Daraufhin wurde unserem Zeitzeugen, einem erfolgreichen Leichtathlet, eröffnet, dass ihm eine Ausbildung mit guter Zukunftsperspektive, sowohl im beruflichen, als auch im sportlichen Sinne, nur nach einem Bruch mit den Eltern möglich sei.

Herr Keup betonte bis zu diesem Zeitpunkt ein unpolitischer Jugendlicher gewesen zu sein, der sehr wohl auch Positives in der DDR sah, allerdings entschied er sich jetzt für seine Eltern und sah sich von nun an mit  vielen Einschränkungen und Schikanen konfrontiert.

Aus dem Leichtathletikverband wurde er ausgeschlossen, seinen Traum als DDR-Sportler bei den Olympischen Spielen teilnehmen zu können,  musste er aufgeben, widmete sich aber einer in der DDR weniger angesehen Sportart: dem Tanzen.

Mit seiner Schwester startete er eine überaus  erfolgreiche Tanzkarriere und  nahm mit ihr sogar an den nationalen Meisterschaften teil. Von Wettkämpfen im Westen waren sie allerdings ausgeschlossen, denn man fürchtete, dass beide dies zur Flucht nutzen würden. Herr Keup gab zu, dass er diese Chance sofort ergriffen hätte, wenn sie sich ihm geboten hätte. Seine beruflichen Aussichten waren durch den Ausreiseantrag der Mutter stark eingeschränkt, studieren durfte er nicht mehr, nur eine Lehre zum Schriftsetzer antreten.

So plante er als 22-Jähriger 1981 die Flucht über Ungarn nach Österreich und weiter in die BRD. Nachdem er bei einer Fahrkartenkontrolle in der Tschechoslowakei kein Rückfahrticket vorzeigen konnte und man seine  80 DM, die er in der Kleidung eingenäht hatte, fand, wurde er verhört. Nach tagelanger Befragung mit folterähnlichen Methoden gab er seinen Fluchtversuch zu.
Nach über einem Jahr Haft in unterschiedlichen Stasi-Gefängnissen wurde Herr Keup 1982 von der BRD freigekauft.

 

Für uns Schüler war das Zeitzeugengespräch eine sehr interessante und erkenntnisreiche Erfahrung, die uns eine ganz neue Sicht auf die DDR eröffnete und die Geschichte ein bisschen lebendiger machte.

Kevin Schröger, 13/Q2 LK-GE