Zeitzeugengespräch - Zinaida Shpindler

Zeitzeugengespräch – Zinaida Shpindler

Wir, die Klasse 9a, sind am 2.3.2016 mit unserer Geschichtslehrerin Frau Deschner-Schmitt in das Düsseldorfer Erzähl- und Begegnungscafe gegangen.

Hier treffen sich seit fünf Jahren am ersten Mittwoch im Monat ältere Menschen, die während der NS-Zeit verfolgt worden sind und gelitten haben. Der größte Teil der Besucher sind Menschen aus Russland, die die Leningrader Blockade überlebt haben. Als Juden war ihre Situation in der Sowjetunion wegen verbreitetem Antisemitismus des Öfteren schwierig.

Als wir das Cafe betraten, wurden wir herzlich begrüßt. Wir hatten das Gefühl besondere Gäste zu sein.

Es gab Kekse, Saft und Kaffee. Dann trat Frau Shpindler auf. Ihre Erinnerungen hatte sie vorher in Russisch aufgeschrieben, dieser Text war ins Deutsche übersetzt worden und wurde nun von Frau Standke, einer freiwilligen Mitarbeitern, vorgelesen. Frau Shpindler beantwortete anschließend unsere Fragen in Deutsch.

Wir fanden es gut, dass Frau Shpindler sehr offen und emotional über die grausame Zeit berichtet hat.

Das Zeitzeugengespräch hat uns einen Einblick in das Schicksal eines anderen Menschen aus einem uns unbekannten Land gegeben. Uns ist bewusst geworden, wie schrecklich die Leningrader Blockade war. Wir haben auch gelernt, dass Juden in der Sowjetuniom diskriminiert wurden.

Uns hatte das Zeitzeugengespräch so bewegt, dass wir uns entschlossen, uns bei Frau Shpindler mit persönlichen Briefen zu bedanken, die wir ihr beim Begegnungscafe im April übergeben haben.

(SchülerInnen der 9a)

Mit dem Einverständnis von Frau Shpindler geben wir einen Auszug aus ihren Erinnerungen wieder.

Zeit2

Zinaida Shpindler: Leningrad-Blockade

Aus Leningrad während der Blockade

Es gingen Gerüchte herum, dass Nazis nicht gut mit den Juden umgehen. In Leningrad haben die deutschen Piloten Flugblätter heruntergeworfen, wo stand, dass Juden und Kommunisten vernichtet werden sollen. Und in Jelisawetino haben wir aus dem besetzten Gebiet geflohene Jugendliche getroffen. Die haben uns erzählt, dass die Deutschen alle Juden zusammentreiben, angeblich in die Schuppen. Was mit denen gemacht wird, war aber unbekannt.

Wir wohnten in der Sozialistischen Straße. Und bei den Bombenangriffen liefen wir in den Luftschutzkeller in das fünfstöckige Haus an der Ecke Sozialistische Straße und Pravda-Straße. Neben diesem Haus befand sich (und befindet sich bis heute) das Kultur-Haus der Nahrungsmittel-Industrie. Damals war dort ein Militär-Lazarett untergebracht, wo wir Erstklässler vor den Verwundeten auftraten. Die Deutschen kannten die Lage der Lazarette, – ein weiteres Lazarett befand sich in der Schule Nr. 308 in der Borodino-Straße, und dort war alles ringsum zerstört. Die Lazarette wurden extra viele Male bombardiert. Das Haus also, wo wir in den Luftschutzkeller gingen, war nach einigen Bombenangriffen bis auf die Grundmauern zerstört. Das Letzte, was ich sah, als wir mal wieder aus dem Luftschutzkeller kamen: In der obersten Etage hing das metallene Rückenteil eines Bettgestells, auf welchem eine tote Frau hing mit einem Säugling an der Brust. Sie wurden von Feuerwehrmännern runtergeholt.

Doch am schlimmsten war es, wenn man während eines Luftangriffs gerade auf einer Brücke über den Fluss Neva war. Meine Mutter arbeitete beim Ausheben von Schützengräben in den Vororten von Leningrad, in Rzhevka und Porochovyje (vor dem Krieg waren das Dörfer). Dort waren Baracken bereitgestellt, in denen wir die Woche über mit unserer Mutter lebten. Und über Sonntag gingen wir nach Hause. Wir gingen ja zu Fuß und mussten also zweimal pro Woche die Ochta-Brücke überqueren. Und wehe, wenn wir es nicht schafften, über die Brücke zu rennen bis zum Beginn eines neuen Luftalarms! Doch leider mussten wir diesen Alptraum erleben. Wir waren schon über die Mitte der Brücke gelaufen, als die Sirene aufheulte und die Flugabwehrgeschosse abgeschossen wurden (in der Nähe war nämlich der Smolny=Regierungssitz von Leningrad). Man hört das Heulen der Tiefflieger, Mutter wirft sich zu Boden, bedeckt mich mit ihrem Körper. Aber ich will das niedrig fliegende Flugzeug sehen, bekomme von Mama eins über den Kopf. Doch ich hatte es geschafft, durch die gläserne Cockpit-Haube den Piloten zu erkennen, der auf die auf der Brücke liegenden Leute zielte. Die Angst, erschossen zu werden, war in dem Moment so groß, dass ich nach der Entwarnung nicht aufstehen konnte. Mutter dachte, dass ich verletzt sei, und schleppte mich wie einen Sack von der Brücke, bis ich schließlich zu mir kam. – Zu Hause angekommen, fanden wir auf dem breiten Fensterbrett im Treppenhaus eine kleine Leiche, in einen Lumpen oder eine Decke eingewickelt. Wir legten den Körper auf den Schlitten und brachten ihn auf den Friedhof vom Frunse-Stadtteil. Vor dem Krieg war dort (am Ende der Swenigorod-Straße) eine Pferderennbahn, und während der Blockade wurde das als Friedhof genutzt für die Toten aus der Umgebung.

Gut kann ich mich auch an folgende Episode erinnern: Wir rennen gerade in den Luftschutzraum, da hält gegenüber unserem Haus ein Militär-Jeep, ein Offizier springt raus und läuft irgendwohin geradeaus, und der Fahrer bleibt im Wagen. Ich drehte mich im Gehen um, um zu sehen, wo er denn hinläuft, denn man müsste doch in die andere Richtung laufen (wohin alle laufen). Der Offizier ging in Deckung unter dem Balkon des Hauses an der Ecke Dostojewski-Straße und Sozialistische Straße, als ob er vorm Regen Schutz suche (so habe ich es Mutter gesagt). Und nach der Entwarnung gehen wir zu dem Haus und nachzusehen: der Balkon ist weg, durch einen Geschoss-Splitter abgerissen. Und unter den Trümmern schauen nur noch die Beine des Offiziers hervor. Der Jeep mit dem Fahrer aber steht noch – heil und unversehrt – auf der Fahrbahn unserer Straße.

Und der Tag der Beendigung der Blockade (27.01.1944) war für mich der größte Feiertag, der zu Lebzeiten meiner Eltern und Verwandten, die an der Befreiung Leningrads mitgewirkt hatten, jedes Jahr festlich begangen wurde.

Nach der Blockade gab es in der Stadt viele kriegsgefangene deutsche Soldaten. So wurden bei uns im Hof an der Stelle des zerstörten Gebäudeteils Baracken errichtet und mit Stacheldraht eingezäunt. Dort lebten die Kriegsgefangenen. Öfter klingelten sie an den Wohnungen und baten um „Brot“, und wenn wir ihnen aufmachten, brachten wir ihnen zu Essen (Zwieback oder Kartoffeln). Wir Kinder haben sie am Anfang geärgert und gerufen: „Gitler kaputt!“ Doch einmal wollte während ihrer „Mittagspause“ ein älterer Deutscher uns etwas zeigen, und wir schlichen zu dem Stacheldraht und sehen: Er schaut ein Foto an und zeigt es uns. Auf dem Foto waren Eltern und drei Kinder zu sehen, und er wollte uns deutlich machen (ich weiß nicht mehr, wie wir das erraten haben oder ob wir ihn verstanden haben), dass Hitler seine Familie getötet habe („Meine Kinder und meine Frau… Hitler kaputt“). Er tat uns irgendwie leid, und wir brachten ihm etwas zu Essen – Brotstückchen, bestrichen mit geschmolzenen Zhmych-Schoten, mit denen die Pferde gefüttert wurden, welche von Zeit zu Zeit auf ihr Gelände kamen. Diese „Butterbrote“ waren für uns eine Delikatesse, die wir auf den Hof rausbrachten und dort voreinander ablutschten, um zu sehen, wer am längsten etwas von dem „Vergnügen“ hatte. Wir zählten mit einem Abzählvers aus („Jeni – kibeni“…), wer sein Butterbrot diesem Deutschen geben sollte, und die anderen gaben demjenigen dann jeder etwas von seinem Stück ab. Das kam uns damals so vor, als ob wir Partisanen wären: Wir klauen Zhmych und schmelzen es zu Hause, während die Eltern auf der Arbeit sind, – hauptsächlich die Mütter, die Väter waren noch an der Front oder schon gefallen – und unbemerkt legen wir das dann an einem bestimmten Platz unter den Stacheldraht.

Ich erinnere mich, wie unser Vater einmal bei einem Heimaturlaub uns Kindern erklärte, dass den Krieg Hitler begonnen habe, und dass das Volk und die Soldaten auch darunter gelitten hätten und ihn noch lange verfluchen würden.

Meine Eltern wurden mit den Medaillen „Für die Verteidigung Leningrads“, „Für den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg“, „Für hervorragende Arbeit im Großen Vaterländischen Krieg“ und vielen anderen ausgezeichnet, doch erhielten sie keine wirklich würdige Beachtung von Seiten des Staates.

Doch im Jahre 1989 zu Ehren des 45. Jahrestages der Durchbrechung der Blockade dachte man plötzlich an die Bewohner (oder Kinder) während der Leningrader Blockade und verteilte an uns Abzeichen mit Ehrenurkunden und irgendwelchen Vergünstigungen wie z.B. kostenlose Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel.

In der Sowjetunion wurde ich mit Antisemitismus konfrontiert. Ich erinnere mich sehr gut an die sogenannte Ärzteverschwörung im Jahr 1952 ( es war eine angebliche Verschwörung von Medizinern vor allem jüdischer Herkunft, um die Führung der Sowjetunion um Josef Stalin auszuschalten. Ihre „Aufdeckung“ führte zu zahlreichen Verhaftungen und Hinrichtungen). Ich war damals in der 9. Klasse. Ich hab im Gedächtnis, wie unsere Lehrerin, die auch eine Abgeordnete der Obersten Sowjet der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik war, in den Klassenraum eingetreten ist. Sie hat alle Schüler und Schülerinnen mit der jüdischen Herkunft gebeten aufzustehen. Von 23 Kinder in der Klasse 17 sind aufgestanden. Dementsprechend wurde die Klasse in zwei Teile aufgeteilt – jüdisch und nichtjüdisch. Nach dem Abitur traf nur der „jüdische“ Teil zusammen. Nach 20 Jahren ist es mir gelungen, die ganze Klasse zusammenzusammeln. Und es tauchte später auf, dass 3 von 7 angeblich nicht jüdischen Mitschülern jüdische Mütter hatten. Sie sind damals aber nicht aufgestanden, weil in der Sowjetunion nur der als Jude oder Jüdin gilt, der oder die einen jüdischen Namen hatte.

Wegen dem Antisemitismus konnte ich nicht in die Bergakademie in Leningrad gehen. Ich hab eine Zulassung zum Examen nicht bekommen, mit der Erklärung, dass ich einen Dreier in meinem Schulzeugnis hatte. Gleichzeitig, das Mädchen aus meiner Klasse hat eine Zulassung bekommen, obwohl sie viel schlimmere Noten als ich hatte. Ich bin doch in die Universität zu Ingenieuren Schiffstransport gegangen, und bin sehr zufrieden mit meinem Beruf.

Das Schauprozess des Jüdischen Antifaschistischen Komitees (eine Gruppe von öffentlich bekannten jüdischen Intellektuellen in der Sowjetunion, die im Zweiten Weltkrieg auf Veranlassung der sowjetischen Regierung geschaffen wurde, um weltweit Unterstützung aus jüdischen Kreisen für den sowjetischen Krieg gegen das Deutsche Reich zu gewinnen.) hat nach dem Krieges auch unsere Familie betroffen. Mein Vater hat eine Gefängnisstrafe bekommen, und hat 8 Jahre – bis zum Tode von Stalin im Jahr 1953 im weiten Norden der Sowjetunion, nicht weit von Stadt Workuta verbracht.

Obwohl wir ein schweres Schicksal hatten, haben sie es verständnisvoll akzeptiert. Wir lebten einfach – was sonst ist uns übrig geblieben? Ich hatte keine außergewöhnlichen Wünsche – z.B., Karriere zu machen. Ich wusste um meinen Platz und war relativ erfolgreich in meinem beruflichen Bereich.

Ich würde mir wünschen, dass heutige Schüler und Schülerinnen sich der Gräuel des Nationalsozialismus, die wir erlebt haben, bewusst sind. Ich wünsche ihnen, dass sie so etwas nie erleben. Ich sehe aber leider, dass Nationalsozialismus wieder ersteht – sowohl in Russland, als auch in anderen Ländern.

Und ich wünsche ihnen nochmal, dass sie nie fühlen müssen, was ein Krieg und ein Hunger ist. Ich fang immer an zu weinen, wenn ich an Verhungern, das ich überlebt habe, mich erinnere. Es ist besonders für die Mutter unbeschreiblich schwierig – dem hungernden Kind nicht helfen zu können.

Mit freundlichen Grüßen Zinaida Shpindler , 2016

Wir sagen DANKE