Düsseldorfer Erzählcafé – Zeitzeugen: Blockade von Leningrad

Düsseldorfer Erzählcafé – Zeitzeugen: Blockade von Leningrad

Am 06.11.2013 besuchten die Geschichtsgrundkurse der Stufe 12 mit ihrer Lehrerin Frau Deschner-Schmitt das Erzähl- und Begegnungscafé im Wilhelm-Marx-Haus in der Altstadt, um die Lebensgeschichte von Alexander Zamansky (geboren am 13.07.1928) zu erfahren, der in Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg, lebte, als dieses vom 08.09.1941 bis zum 27.01.1944 von den Nationalsozialisten blockiert wurde. Was hier folgt, sind die markantesten Eckdaten und gravierendsten Erfahrungen Alexander Zamanskys.

Erste Anzeichen für nahendes Unheil gab es bereits im Juni 1941, als Herr Zamansky während des Aufenthalts in einem Kindersommerlager vor Aufklärungsflügen der Deutschen in Deckung gehen musste. Sodann, nachdem mit der Vorbereitung der Stadt auf einen Kampf begonnen und eine halbe Million Leute Schützengräben ausgehoben, Denkmäler geschützt hatten etc., was mit 200 Gramm Brot und zwei Frikadellen belohnt wurde, wurde am 29. Juli die Evakuierung der Bewohner Leningrads beschlossen, die jedoch scheiterte, da die Deutschen auf dem Vormarsch waren und die Flüchtlinge umkehren mussten.

Sehr früh, am 17. Juli 1941, wurden bereits die Lebensmittelkarten eingeführt und die Nahrung verschwand aus den Geschäften. Herr Zamansky zog regelmäßig mit seiner Oma los, um einige Kohlblätter von den Feldern nebst der Schützengräben zu sammeln, die mit Maschinengewehren von Flugzeugen aus beschossen wurden.

Doch Maschinengewehre waren noch bei weitem nicht alles. Ab August wurden Bomben über der Stadt abgeworfen, woraufhin jeder in der Umgebung der Einschlagstellen augenblicklich in einen Bombenkeller rannte, was jedoch nach nur ein bis zwei Monaten eingestellt wurde, da die Leute schlicht zu entkräftet waren, um diese Anstrengung auf sich nehmen zu können.

Anders war es mit den Brandbomben. Stürzten diese durch ein Dach auf einen Dachboden, galt es diese um jeden Preis unter anderem mittels Sand oder Wasser unschädlich zu machen, da man sonst im eiskalten Leningrad auf der Straße saß, wenn nicht sogar schlimmer. So wurden Krankenhäuser gezielt mit Brandbomben unter Beschuss genommen, dem viele nicht entfliehen konnten. Doch nicht nur Krankenhäuser waren Ziele der Nationalsozialisten, sondern auch die Lebensmittellager Leningrads. Am 10.09.1941 wurden die Lebensmittellager Leningrads zerstört und mit ihnen die Unmengen an essentieller Nahrung. Was übrig blieb, war ein wenig Zucker, der vom Boden aufgenommen wurde, woraufhin viele Leute versuchten, ihn aus dem Untergrund wieder zu gewinnen. Auch wurde Pfirsich-Öl, welches normalerweise für die Hautpflege von Säuglingen benutzt wurde, zusammen mit Vollkornmehl zu Kuchen verarbeitet und man ging, als die Lebensmittelrationen im Oktober auf 250 Gramm Brot für Arbeitskräfte und 125 Gramm Brot, das zu zur Hälfte nur aus ungenießbaren Verunreinigungen bestand, für alle anderen reduziert wurden, so weit, dass man Holzleim und Fliesenkleber mit heißem Wasser, Kohlblättern und Stücken von Stielen zu einer Suppe vermischte.

Auch gab es nach kurzer Zeit weder fließendes Wasser, noch Strom und die Kommunalka, die mit Bettdecken in verschiedene Zimmer aufgeteilt wurde, wurde nur mit einem sehr kleinen Ofen aus dünnem Eisenblech geheizt, den man nur zum Kochen, zum Wasser warm machen oder bei unerträglicher Kälte mit Büchern aus Bibliotheken und Möbeln anheizte.

Nicht minder schwierig gestaltete sich die Beschaffung des Wassers. Hierzu musste man sich auf einer großen Eisfläche einem Eisloch nähern und daraus Wasser schöpfen, was sich ebenso als ein risikoreiches Unterfangen herausstellte, da das Eis sehr glatt war. Gleichzeitig war der Transport des Wassers insofern schwierig, da man sehr lange brauchte, um mit dem Wasser zur Wohnung zurückzukehren, zudem mussten die Leute aufgrund der Entkräftung sehr oft anhalten und Pausen einlegen, weshalb die Familie Zamansky versuchte, mit einem Eimer pro Tag auszukommen.

Ein anderer Eimer wurde täglich ebenso geleert, doch war dieser die Toilette, der auf dem Hinterhof vor dem Mülleimer ausgeleert wurde, da jener voll war. So entstanden Haufen gefrorener Fäkalien in den meisten Hinterhöfen, was auch nicht gerade zur Verbesserung der Situation beisteuerte.

Im Oktober ging Herr Zamansky noch zur Schule, wo die Schüler nicht mehr saßen, sondern standen und in ihre dicksten Kleider eingepackt auf dem Boden stampften, um sich zu wärmen. Für neun Kopeken konnte man in der Mittagspause eine Suppe aus heißem Wasser, etwas Mehl und Stücken von Kohlblättern erstehen.

Ab November starben sehr viele Leute an Hunger und Kälte. Oftmals passierte dies einfach in ihren Betten, oftmals aber auch auf den Straßen, auf denen nicht mehr viele Leute anzutreffen waren. Dann fielen die Menschen vornüber und blieben liegen. Andere Bürger versuchten stets den Sterbenden zu helfen, indem sie ihnen Brot gaben, doch dafür war es in vielen Fällen zu spät. Dies konnte von heute auf morgen passieren. Unterhielt man sich am einen Tag mit seinen Nachbarn, war es nicht unwahrscheinlich, sie am nächsten tot in ihren Betten aufzufinden.

Ab dem 25. Dezember 1941 wurde pro Person 200 Gramm Brot ausgegeben, ab Februar 1942 erhielt man zusätzlich 100 Gramm Getreide und einige wenige andere Kleinigkeiten.

Am 07.03.1942 klopften vielerorts russische Spezialeinheiten an die Türen und evakuierten die Bevölkerung nach Lavovre. Herr Zamansky verließ mit seiner Tante auf diese Weise Leningrad. In Lavovre angekommen, bekam er und die übrigen Flüchtigen zu ihrem großen Erstaunen eine Suppe mit Fleisch. Außerdem gab es noch einen Hauptgang mit Fleisch und man konnte mehr als nur eine Portion zu sich nehmen. Dazu gab es noch einen Laib Schwarzbrot, eine Tafel Schokolade und eine Packung Kekse. Die Einnahme wurde Herrn Zamansky jedoch von seiner Tante verboten, da es für Hungernde gefährlich ist, von jetzt auf gleich so viel zu essen.

Von dort an dauerte es noch einen Monat, bis sie ihren Zielort erreichten. An jeder Haltestelle wurden die Leute gefragt, ob es Tote gibt und die gab es noch immer reichlich.

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Zum Schluss durften die Schülerinnen und Schüler einige Fragen an Herrn Zamansky richten. So wurde die Frage, ob seine Familie an eine Flucht auf eine auf irgendeine Weise gestaltete Art in Erwägung zog, mit der Begründung negierte, dass sie für solche Strapazen zu schwach waren und ohnehin nicht gewusst hätten, wohin sie sollten.

Eine andere Frage war, warum er und viele andere gerade nach Deutschland gekommen waren. Die Antwort war einfach: Für ihn gab oder gibt es keinen großen Unterscheid zwischen Stalin und Hitler, er sieht sie als „Brüder“ an. Des Weiteren war laut ihm ganz Europa Schuld am Krieg. Außerdem betonte er, dass das heutige Europa oder das heutige Deutschland nicht mehr das Geringste mit den Verbrechen der Vergangenheit zu tun und sich grundlegend gewandelt habe.

Schließlich war da noch die Frage nach Birobidschan, dem von Stalin gegründeten angeblichen Zugeständnis eines jüdischen Staates. Für die Familie Zamansky war Birobidschan nie eine Option, da sie es schnell und richtig als Falle Stalins durchschaut hatten.

 Lars Winkler, Schüler der Q2