2010: Zeitzeugen der DDR - Hommage an Kerstin Kuzia

2010: Zeitzeugen der DDR – Hommage an Kerstin Kuzia

Rechts Stacheldraht. Links Beton. Vor ihr ein Eisentor.
– Und hinter ihr schließt sich das zweite.

Sommer 1984: Kerstin Kuzia, 16 Jahre alt, steht in der Eingangsschleuse zum einzigen geschlossenen Jugendwerkhof der DDR: Torgau. Hier wurden Jugendliche aus den insgesamt über 60 Jugendwerkshöfen der DDR hingebracht, wenn sie negativ aufgefallen sind. Das konnte alles bedeuten, von einem Widerwort bis zu einem kleineren Diebstahl – wirkliche Straftäter gab es dort keine. Zumindest waren sie es vor ihrer Einweisung nicht. Denn Gewalt war an der Tagesordnung: nachts, in den verriegelten Schlafräumen, rächte sich die Gruppe am Einzelnen, der durch Versagen beim brutalen Drillsport die Anordnung von „Gruppenstrafsport“bewirkt hatte. Diese „Selbsterziehung“ war von den so genannten Erziehern in Torgau eingeplant und wurde willentlich herbeigeführt. Sie fand in Form von Gewalt und teilweise auch sexuellen Übergriffen statt.

Die Betroffenen entwickelten eine Todesangst, die sie antrieb und zu schier unglaublichen körperlichen Leistungen befähigte: ein Beispiel ist der „Torgauer Dreier“. Dabei springt der Schüler aus der Hocke in den Strecksprung, um sofort in eine Liegestütze zu fallen, woraufhin er unverzüglich wieder einen Strecksprung ausführt. Kerstin Kuzia brachte es einmal auf 250 Durchgänge dieser qualvollen Übung. Besonders schmerzhaft wurde diese Übung, wenn sie bei von aggressiven Reinigungsmitteln wunden Handflächen auf dem mit Split ausgelegten Hof ausgeführt werden musste. Dann freute man sich sogar über zusätzliche Hanteln, die den Händen ein wenig Schutz boten.
Doch es gab nicht nur körperliche Qualen zu erdulden. Die Jugendlichen wurden vom Moment ihrer Einweisung an auch psychisch massiv unter Druck gesetzt. Die ersten drei Tage verbrachten sie einer Zelle mit einem kleinen Fenster, in der sie sich nur auf Anweisung setzen durften und sonst mit Blick zur Tür in der Mitte des Raumes stehen mussten. Auch später bestand die Gefahr, hierher zurückverwiesen zu werden. Bei auffälligem Verhalten und Ungehorsam drohten bis zu zwölf Tage Einzelarrest! In dieser Stille und Einsamkeit sollte der Wille der jungen Menschen gebrochen werden. Sie wurden gezwungen die Hausordnung auswendig zu lernen – bei Nichtgelingen folgte Nahrungsentzug.

Die wohl schlimmste psychische Belastung war das 24 Stunden lang geltende Sprechverbot. Zu keinem Zeitpunkt war es den Insassen erlaubt sich ungefragt an die Erzieher zu wenden. Der Zugang zu Trinkwasser war absolut nicht gegeben. Das ist sehr wichtig denn so wird klar wie wenig die 3 Tassen Tee, die man am Tag bekam waren. Der Gang zur Toilette erfolgte nur in Gruppen von mindestens fünf Personen. Trennwände gab es nicht. Eine weitere Einrichtung Torgaus fiel hier sehr unangenehm auf: Bei strikter Trennung von Mädchen und Jungen in allen Lebensbereichen, gab es für die Mädchen ausschließlich männliche und für die Jungen ausschließlich weibliche Aufsichtspersonen.
Persönlicher Besitz, Schminke und offen getragene Haare waren verboten. Durch Einheitskleidung und einen Einheitshaarschnitt von drei mm Länge sollte auch äußerlich jede Individualität unterbunden und die „Kollektiverziehung“gefördert werden. Die strikte Planung und Systematisierung dieser Einrichtung und ihre Wirkung auch auf die Umgebung wird deutlich, wenn man hört, dass jede in der Nähe Torgaus ausgebildete Friseurin eine Stillschweigenserklärung unterschreiben musste – für den Fall, dass sie einmal den dortigen Jugendlichen die Haare scheren müsste. Genauso erging es Kerstin Kuzia, nachdem sie diesen Wahnsinn vier Monate lang ausgehalten hatte und am 5.12.1984 entlassen wurde. Bis zu ihrem 21. Lebensjahr, wurde ihr gedroht, könne man sie bei Brechen des Schweigens zurückholen. – Ein wirksameres Druckmittel konnte es für ehemalige Insassen Torgaus nicht geben.
Natürlich geht eine solch brutale Behandlung nicht spurlos an den Betroffenen vorüber, viele spüren ihr Leben lang die Auswirkungen der dortigen psychischen Belastung. Einige der Jugendlichen hofften, den menschenunwürdigen Lebensbedingungen durch Selbstverstümmelung entkommen zu können. Doch auch während eines Krankenhausaufenthaltes, nachdem jemand zum Beispiel Schrauben verschluckt hatte, gab es keine unbeobachtete Minute. Und nach abgeschlossener Behandlung ging es sofort zurück in den einzigen geschlossenen Jugendwerkhof der DDR: Torgau.

Svenja Goliasch (13LK-Geschichte)