Austausch 1998

Austausch 1998

10 Tage Israel – der Beginn einer Schulpartnerschaft zwischen dem Leo Baeck Education Center, Haifa, und dem Geschwister-Scholl-Gymnasium, Düsseldorf

Mit der Urkunde über unsere Schulpartnerschaft im Gepäck landeten wir aufgeregt und gespannt am 3.5.1998 auf dem Flughafen in Tel Aviv und ohne dass wir ein Zeichen verabredet hatten, erkannten sich die Theatergruppen beider Schulen in der Flughafenhalle sofort. Während der langen Fahrt von Tel Aviv nach Haifa (rush-hour am Sonntag?? Ach ja, wir sind in Israel …) kam die Kommunikation zaghaft in Gang; die Lehrerinnen verständigten sich über das umfangreiche Programm und die Landschaft flog staubig an uns vorbei.
In der Schule entführte uns Odeda Shaked, die Theaterlehrerin, gleich zu einem Kennenlern-warming-up, das viel Spaß machte. Sowohl bei diesem ersten Treffen als auch beim gemeinsamen Masken- und Tanzworkshop machten alle die Erfahrung, dass das gemeinsame (Theater-) Spiel ganz besonders geeignet ist, in Kontakt zu treten, sich miteinander vertraut zu machen, etwas über sich mitzuteilen, ohne auf die Verbalsprache zurückgreifen zu müssen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu entdecken und Grenzen zu überschreiten. Beide workshops waren ein großer Erfolg.
Trotz tropischer Temperaturen entwickelten die Beteiligten kreative Ideen, setzten sie um in spannende Szenen und machten neue Erfahrungen mit bisher unbekannten Ausdrucksformen. Dieses gemeinsame Experiment trug wesentlich dazu bei, dass sich die Kontakte zwischen den Gastgebern und ihren Gästen intensivierten und offene Gespräche zwischen beiden Seiten möglich wurden. Die Aufführung der szenischen Collage „Kinder! Kinder!“, die wir für Haifa erarbeitet hatten, war ebenfalls ein großer Erfolg. Im Anschluss an die Aufführung entwickelte sich ein interessantes Gespräch zwischen den SpielerInnen und dem Publikum und wir merkten wieder einmal, dass die Theatersprache eine universale ist.
Diese Erfahrung machten wir auch beim Besuch des Stücks „Hakfar“ von Joshua Sobol, inszeniert und gespielt von der Theatergruppe Gesher, die fast ausschließlich aus russischen Immigranten besteht. Obwohl wir kein einziges (hebräisches) Wort verstanden haben, waren wir von den Bildern, der Musik und der Spielweise fasziniert und verstanden das Wesentliche des Stücks. Neben dem Theaterspielen waren die 10 Tage ausgefüllt mit Exkursionen und Gesprächen, die es uns ermöglichten, Einblicke in die so vielfältige und uns manchmal so widersprüchlich erscheinende israelische Realität zu gewähren.
Akko mit seinen Ausgrabungen aus der Kreuzritterzeit, der israelisch-libanesische Grenzort Rosh HaNiqra, Jerusalem, wo wir eigentlich eine Woche und nicht nur einen Tag Zeit hätten haben müssen, der See Genezareth und die Golan-Höhen, der Besuch im drusischen Dorf Isfiya – überall hätten wir länger bleiben mögen. Und überall machten wir auch die Erfahrung, dass jedes Fleckchen Erde in Israel ein Politikum ist, dass überall im Nu heftigste Diskussionen zwischen Israelis entstehen, dass eine „objektive“ Beschreibung einer Landschaft oder eines Gebäudes nicht möglich ist. Mit Spannung verfolgten wir die Auseinandersetzungen ( solange sie in Englisch geführt wurden) und lernten so ein breites Meinungsspektrum kennen, das typisch ist für die israelische Gesellschaft.
Eins der beeindruckendsten Erlebnisse war der Besuch des Holocaust-Museums in Lochamé Hagetaoot und das spätere gemeinsame Gespräch der beiden Gruppen über das Thema Holocaust. Die Erzählungen der israelischen Schülerinnen und Schüler machten in einer sehr eindringlichen Weise deutlich, dass die Existenz des Staates Israel immer vor diesem Hintergrund gesehen werden muss und dass das Thema kein abgeschlossenes Kapitel in der nunmehr 50jährigen Geschichte des Staates ist. Die Angst, dass sich etwas Ähnliches noch einmal ereignen könnte, wird wachgehalten durch z.B. die Erfolge der DVU bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt oder rechtsradikale Übergriffe in Deutschland und in anderen Staaten.
In dem Gespräch wurde uns auch deutlich gemacht, welch hohes Ansehen die israelische Armee gerade auch bei Jugendlichen genießt. 3 Jahre Wehrdienst für die Männer, 2 Jahre für die Frauen – keiner unserer GastgeberInnen käme auf die Idee, den Wehrdienst zu verweigern. Die traumatische Erfahrung, dass Millionen ohne Gegenwehr ermordet werden konnten – darunter auch Angehörige vieler Schülerinnen und Schüler des Leo-Baeck-Education-Center – und die militärische Bedrohung, die von einigen arabischen Staaten ausgeht, erklären, warum die israelische Armee hoch gerüstet ist und einen festen Platz in der israelischen Gesellschaft hat.
Ein Fazit zu ziehen, ist angesichts der Vielfältigkeit der Eindrücke und Erlebnisse gar nicht so leicht. Sicher ist, dass in der persönlichen Begegnung gerade junger Menschen eine große Chance liegt, das Motto „Brücken bauen“ zu realisieren. Das gemeinsame Theaterspiel, gemeinsame Exkursionen, der Austausch divergierender Meinungen und die Unterbringung in Privatfamilien schaffen Berührungspunkte im wörtlichen und übertragenen Sinn; sie bilden die Basis für gegenseitiges Kennenlernen, für das Auffinden von Gemeinsamkeiten und das Aufdecken von Divergenzen. Diese zu akzeptieren und zu tolerieren und trotzdem auch einen eigenen Standpunkt zu formulieren, darin liegt das Ziel der Schulpartnerschaft und unser erster Besuch war ein erster und auch schon beträchtlicher Schritt auf dem Weg dorthin. Wir erwarten die israelische Gruppe im Oktober zum Gegenbesuch in Düsseldorf und wir hoffen, dass wir ganz schnell, sozusagen „spielend“, dort anknüpfen können, wo wir im Mai begonnen haben.
Bei unserem Abschied am 13. Mai auf dem Flughafen zählten einige schon die Wochen bis zum Gegenbesuch und das gegenseitige „Lehitraot!“ kam bei allen von Herzen!

Für die Theater-AG des Geschwister-Scholl-Gymnasiums
Margret Stapper-Wehrhahn